Leseempfehlung

Digital Demenz? Warum das Internet uns weder dick noch dumm macht.

7. März 2014  

“Meiden Sie digitale Medien. Sie machen […] tatsächlich dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich.”

Das schreibt Herr Spitzer in seinem Buch Digitale Demenz auf Seite 325. Die Kollegen Markus Appel und Constanze Schreiner stellen dieses Zitat an das Beginn ihres jetzt in der Psychologischen Rundschau erschienen Übersichtsartikel „Digital Demenz? Mythen und wissenschaftliche Befundlage zur Auswirkung von Internetnutzung“ (.pdf zum Download). Das Ziel: Den Mythen rund um das Thema Internetnutzung wissenschaftliche Befunden entgegen zusetzen.

Dabei gibt es ein Problem: Zu den meisten Fragen liegen viele empirische Untersuchungen vor, viele davon sind widersprüchlich. Die Lösung für dieses Problem sind sogenannte Meta-Analysen. Diese fassen mehrere empirische Einzelstudien zu einem Thema zusammen und versuchen so einen fundierten Überblick zu geben. Dazu wird genau festgelegt, welche Art von Studien eingeschlossen werden und welche Faktoren berücksichtigt werden sollen. Außerdem werden die Effektstärken berechnet, ein statistische Maß für die Bedeutsamkeit oder die Größe eines Effekts. Als Ergebnis lässt sich auf Basis einer Meta-Analyse der aktuelle Stand der Forschung zu einem Themengebiet in der Zusammenschau bewerten.

Ich fasse den ersten Teil des Paper in diesem Beitrag zusammen, der zweite Teil folgt nächste Woche.

Internetnutzer kommunizieren weniger und sind einsam

Wer das Internet nutzt, kommuniziert weniger mit anderen Menschen und hat weniger Freunde. Frühe Studien* bestätigen diesen Zusammenhang, spätere Studien (der selben Autoren!) stellen den Zusammenhang in Frage. Eine Meta-Analyse, die alle Studien bis 2003 zusammenfasst, findet diesen Zusammenhang, dieser ist aber sehr klein. Und: Bei längschnittlichen Studien (die den Verlauf über die Zeit betrachten) und weitere Einflussgrößen berücksichtigen (z.B. wird eher mit Freunden oder eher mit Familienmitgliedern kommuniziert) dreht sich der Effekt um: Mehr Internetnutzung führt zu mehr sozialer Interaktion. Für den Faktor Einsamkeit gilt: Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Internetnutzung und Einsamkeit.

Das Internet verhindert gesellschaftliche Partizipation

Eine Meta-Analyse untersucht den Zusammenhang zwischen Internetnutzung (ja/nein, wie lange) und Verhalten wie zur Wahl gehen, sich ehrenamtlich engagieren. Die Mehrheit der Studien findet keinen Zusammenhang, in der Summe geht der Zusammenhang eher in die andere Richtung: Internetnutzung führt zu mehr gesellschaftlicher Partizipation.

Das Internet macht unglücklich und dick

Zum Thema Wohlbefinden wurden unter anderem der Einfluss der Internetnutzung auf Depressionen, Selbstwert und Lebenszufriedenheit erhoben. Es zeigt sich ein positiver Zusammenhang (Mehr Internetnutzung führt zu mehr Depressivität / weniger Wohlbefinden). Allerdings ist der Zusammenhang sehr klein und die Unterschiede zwischen den Personen nur zu einem sehr kleinen Anteil (unter 1%) durch die Unterschiede in der Internetnutzung zu erklären. Ähnliches gilt für den Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Übergewicht. Für die Fernsehnutzung findet sich ein positiver Zusammenhang (Fernsehen macht dick), der Unterschied ist aber nur zu etwa 1% durch die Fernsehnutzung zu erklären, andere Faktoren haben also einen wesentlich größeren Einfluss. Für Computerspiele zeigt sich kein signifikanter Zusammenhang.

Details zu den Studien und der Argumentation der Autoren finden Sie im Originalartikel. Die Zusammenfassung des zweiten Teil des Artikels mit den Mythen zum computerbasierten Lernen und zur Auswirkung von gewalthaltigen Computerspielen veröffentliche ich Anfang nächster Woche.

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1 Response

  1. […] überprüft. Den ersten Teil des Papers habe ich schon in einem Blogbeitrag zusammengefasst. (http://www.wissenmaldrei.de/digital-demenz-warum-das-internet-uns-weder-dick-noch-dumm-macht/). Hier jetzt der zweite […]

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