Netzfunde

Wie kommt es zu Hass-Tiraden, Beileidigungen und diffamierenden Äußerungen auf Facebook?

10.04.2017  

Die Polizei in Heilbronn geht nach einer Hass-Tirade auf Facebook zu Beamten im Einsatz konsequent strafrechtlich gegen beiliegende Kommentare vor. In einem Interview habe ich dazu einige Fragen aus medienpsychologischer Sicht beantwortet. Das vollständige Interview finden Sie in diesem Beitrag. 

Nutzer verhalten sich in Facebook manchmal beleidigend und diffamierende anderen Personen gegenüber. Wie lässt sich dieses Verhalten erklären?

In Facebook wird die soziale Identität einer Person verstärkt. Das bedeutet: Ich orientiere mich an den Normen, Werten und Zielen der Gruppe und gebe diesen den Vorzug vor meinen eigenen. Wenn die Gruppe –in dem Fall die anderen Kommentatoren– den Einsatz verurteilen, schließe ich mich dieser Meinung an. Im Extremfall vertrete ich dann sogar eine Meinung, die eigentlich gar nicht meine eigene ist, oder verhalte mich beleidigend, obwohl ich eigentlich sonst anders kommuniziere.

Ist der Eindruck einer Verrohung, vielleicht durch scheinbare Anonymität, zutreffend?

Dieser Effekt funktioniert in beide Richtungen. Wenn die Gruppe z.B. bei einem tragischen Unfall oder Anschlag den Angehörigen Mitgefühl und Anteilnahme ausdrückt, dann ist es auch hier leicht, sich dem anzuschließen. Deshalb wäre ich mit dem Begriff „Verrohung“ vorsichtig.

Welche Rolle spielen die technischen Möglichkeiten, seine Meinung recht einfach weit zu verbreiten?

Die technischen Möglichkeiten spielen sicher eine Rolle. Sie machen es einfach, die eigene Meinung zu verbreiten. Letztlich müssen wir aber den Menschen und nicht die Technologie als Ursache in den Blick nehmen. Die Technologie verstärkt lediglich Kommunikations-Prozesse. Das Netz macht die Diskussion, die vorher vielleicht nur hinter verschlossenen Türen geführt wurde, öffentlich sichtbar.

Was bedeutet das für die Berichterstattung in den Medien? Ist das problematisch, weil dadurch die Aufmerksamkeit für Beleidigungen erst geweckt wird? 

Die Nutzer, die sich hier mit Kommentaren beteiligen, sind kein repräsentatives Bild für unsere Gesellschaft. Das hängt auch mit den Filterprozessen in Facebook zusammen, die mit höherer Wahrscheinlichkeit Inhalte anzeigen, die zu meiner eigenen Meinung passen und so den oben beschriebenen Prozess weiter verstärken. Deshalb halte ich es bei der Berichterstattung für unbedingt notwendig, auch andere Meinungen und Sichtweisen beizusteuern und damit eine Gegenöffentlichkeit sichtbar zu machen.

Ist das Internet aus Sicht der Nutzer ein rechtsfreier Raum? 

Ich würde anders argumentieren: Internetnutzer sehen das Netz als privaten Raum. Dieser private Raum ist weitgehend vom staatlichen Zugriff geschützt. Das ist eine Errungenschaft unserer Demokratie. Wir müssen erst noch lernen: Das Netz ist ein öffentlicher Raum. Was ich hier schreibe, ist für die Öffentlichkeit bestimmt.

Was kann die Gesellschaft konkret tun, um solche Hasstiraden auf Facebook zu verhindern.

Es ist hilfreich, hier Inhalt und Form zu unterscheiden. Mit Blick auf die Form, wie hier Kritik geäußert wird, sollten bestehende Gesetze konsequent angewendet werden. Ob die inhaltliche Kritik berechtigt ist, kann ich nicht beurteilen. Dass wir als Gesellschaft die Arbeit unserer Polizei kontrollieren, scheint mir selbstverständlich zu sein. Hier könnten soziale Medien – das zeigt z.B. die Präsenz vieler Polizeireviere auf Twitter – eine Chance für eine offene und transparente Kommunikation sein.

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Johannes Moskaliuk arbeitet als Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien und als Hochschullehrer an der International School of Management. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist digitales Lernen und Arbeiten. Außerdem ist er Geschäftsführer der ich.raum GmbH und arbeitet als Business-Coach mit einem Schwerpunkt auf wertorientierter Führung und Kommunikation.



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