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Massive Open Online Courses – fünf Thesen zum Bildungstrend Open E-Learning

15.April 2014  

Als Ergebnis der Campus Innovation 2013 liegt jetzt die Publikation „Change: Hochschule der Zukunft“ vor. Ich habe darin einen Beitrag zum Bildungstrend Open E-Learning geschrieben und fünf Thesen aufgestellt.

Massive Open Online Courses (MOOCs) haben sich in den letzten beiden Jahren zum neuen Bildungstrend entwickelt. Welche Herausforderungen ergeben sich aus der Öffnung von Hochschule nach außen für Gesellschaft, Hochschule und Unternehmen? Welche Konsequenzen hat das für Lernenden, Lehrende und Forschende. In diesem Beitrag werden anhand von 5 Thesen Bedingungen für erfolgreiches Lernen in MOOCs vorgestellt.

Konzept und Geschichte der MOOCs

Ein Massive Open Online Course (MOOC) ist ein partizipatives Lernformat, das auf den selbstgesteuerten Wissensaustausch der Lernenden untereinander setzt (vgl. Treeck, Himpsl-Gutermann & Robes, 2013). Dabei nehmen so viele Lernende an einem MOOC teil, dass der Austausch der Lernenden untereinander neue und überraschende Perspektiven zulässt (Massive). Die Diversität der Lernende, z.B. in Bezug auf Wissensstand, professionellen oder kulturellen Hintergrund ist Teil des didaktischen Konzepts. Die Zugangshürden zu einem MOOC sind niedrig gehalten (z.B. ist keine formale Immatrikulation oder Hochschulzugangsberechtigung notwendig) um möglichst viele Lernenden erreichen zu können (Open). Das bezieht sich auch auf die freie Zugänglichkeit der Lernmaterialien, die in vielen Fällen als offene Bildungsressourcen (OER) kostenlos zugänglich sind. Ein MOOC verwendet Internettechnologien und setzt darauf, dass die Lernenden selbst entscheiden, welche Werkzeuge sie für den Austausch mit Anderen nutzen (Online). So entsteht eine Online-Gemeinschaft von Lernenden. Außerdem folgt ein MOOC im Gegensatz zu anderen informellen Lernaktivitäten im Netz einer Kursstruktur und ist zeitlich begrenzt (Course).

Der erste MOOC wurde unter dem Titel „Connectivism and Connective Knowledge” von George Siemens und Stephen Downes im Jahr 2008 durchgeführt (Cormier & Siemens, 2010). Höhepunkt der Entwicklung ist ein gemeinsam mit Peter Norvig angebotener Kurs an dem 160.000 Lernende teilnahmen. MOOCs wurden in der Folge auch in Deutschland als relevante didaktische Innovation wahrgenommen. Der OPCO11 unter dem Titel „Zukunft des Lernens“ ist der erste deutschsprachige MOOC.  Innovationstreiber sind hier zum einen die Hochschulen. Sie ergreifen die Chance, innovative und massentaugliche Lehr/Lern-Konzepte zum Markenzeichen der eigenen Institution zu machen. Zum anderen erkennen kommerzielle Anbieter die Bedeutung offener Lernformate und entwickeln die entsprechende Infrastruktur weiter (z.B. iversity.org).

Die unter dem Begriff MOOC angebotenen Kurse reichen von sehr stark strukturierten xMOOCs bis hin zu offenen und stärker selbstgesteuerten cMOOCs (Haug & Wedekind, 2013). Jenseits der Frage nach eindeutigen Definitionen geht es in diesem Beitrag um die Frage, welche Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, damit Lernen in MOOCs erfolgreich sein kann. Dabei ist die Bandbreite unterschiedlicher didaktischer Formate und Konzepte mitgedacht, die sich unter dem Begriff Open E-Learning zusammenfassen lassen. Gemeint sind dabei alle Lernsettings, die eine offene und partizipative Lernkultur mit Hilfe verfügbarer Web 2.0 – Werkzeuge fördern (vgl. van Treeck, Himpsl-Gutermann & Robes, 2013).

These 1: Open E-Learning braucht einen gesellschaftlichen Konsens.

Bildung kostet Geld. Die Tatsache, dass MOOCs in den meisten Fällen für den Nutzer kostenfrei sind, täuscht über die Tatsache hinweg, dass die Produktion von Lerninhalten, die Konzeption oder Implementation entsprechender digitaler Lernumgebungen und die Betreuung von Lernenden mit hohen Kosten verbunden sind. Das amerikanische Hochschulsystem, dessen finanzkräftige Elite-Universitäten hochwertige Lernmaterialien nicht zuletzt aus Marketinggründen frei verfügbar machen, ist keine Blaupause für das deutsche Bildungssystem. Dessen föderale Struktur und die auf Forschung ausgerichtete Hochschulfinanzierung verhindern nachhaltige Kooperationen zwischen Bildungsinstitutionen. Notwendig ist eine breite gesellschaftliche Diskussion über Wert von Bildung und die freie Zugänglichkeit von Lernmaterialien. Eine Demokratisierung von Bildung, als Kerngedanke von Open E-Learning, macht die Neukonzeption von Lehrplänen, Leistungskriterien und Bildungsabschlüssen notwendig. Und: Lebenslanges Lernen an der Schnittstelle zwischen Schule, Hochschule und beruflicher (Weiter-)Bildung erfordert alternative Finanzierungsmodelle.

These 2: Open E-Learning setzt die Weiterentwicklung von Hochschulen voraus.

Die Hochschule ist ein über Jahrhunderte entwickeltes System (vgl. Moskaliuk & Cress, im Druck) und folgt etablierten Regeln. Verhaltensskripts (z.B. Vorlesungen, Prüfungen, Seminare), etablierte Curricula, zeitlich begrenzte Lerngruppen, die Zertifizierung erbrachter Leistung und der Fokus auf Theorie machen dieses System aus. Dem gegenüber steht das System Open E-Learning, das auf selbstreguliertes Lernen, vielfältige und diverse Lernressourcen, langfristige Communities und freiwillige Beteiligung setzt, sowie den Fokus auf die Praxis legt. Eine Öffnung der Hochschule nach außen, der Bezug zur Praxis und die Integration lebenslanger Lernangebote ist nicht nur eine Frage der verwendeten technologischen Werkzeuge. Es gilt, den Bildungsauftrag von Hochschulen für die gesamte Gesellschaft zu bedenken. Gleichzeitig ergibt sich aus der Integration der beiden Systeme die Chance, Open E-Learning nachhaltig zu finanzieren und zu zertifizieren, sowie die Qualität offener Lerninhalte sicherzustellen.

These 3: Open E-Learning erfordert die Einbeziehung von Unternehmen.

Zunächst sind Unternehmen als potentielle Kunden von Open E-Learning an Hochschulen zu nennen. Es besteht ein Bedarf an hochwertigen Ausbildungs- und Weiterbildungskonzepten. Für die Hochschulen ergeben sich daraus zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten. Gleichzeitig haben Unternehmen ein immer größeres Interesse daran, hoch-qualifizierte Studierende frühzeitig an das eigene Unternehmen zu binden und Lerninhalte und Struktur der Hochschulausbildung mit zu beeinflussen. Das Ziel ist, die Anforderungen von Unternehmen an ein praxisorientiertes Studium und den Anspruch einer Hochschule auf fundierte und unabhängige Lehre zu integrieren. Ein weiterer Aspekt sind Unternehmen, die Lerninhalte entwickeln und Lerntechnologien anbieten. Hier ist eine große Diversität des Marktes zu beobachten. Das bietet großes Innovationspotential. Es wird darum gehen, potentielle Zielgruppen zu definieren und entsprechende Geschäftsmodelle zu entwickeln, die eine Kooperationen von Hochschulen und den Unternehmen der E-Learning-Branche auf Augenhöhe ermöglichen.

These 4: Open E-Learning muss den Lernenden in den Mittelpunkt stellen.

Der Erfolg von Open E-Learning hängt von einer Reihe notwendiger Kompetenz der Lernenden ab. Kognitive und metakognitive Kompetenzen beschreiben die Anforderung, vielfältige Ressourcen zu strukturieren, sowie die zu lernenden Informationen zu bewerten, zu verarbeiten und zu verstehen. Außerdem müssen entsprechende Lernstrategien verfügbar sein z.B. zur Wiederholung und Organisation von Wissen, zur Selbstkontrolle und zum Lernverhalten. Zusätzlich müssen Lernende kommunikative Kompetenzen besitzen, um Mitglied einer diversen Online-Gemeinschaft zu werden und partizipieren zu können. Grundvoraussetzung ist die Medienkompetenz im Umgang mit den verwendeten technologischen Werkzeugen. Nicht zuletzt spielt die Motivation eine zentrale Rolle für den Lernerfolg. Die Eingebundenheit in eine Online-Gemeinschaft, das Erleben von Kompetenz und die Autonomie der Lernenden sind hier notwendige Voraussetzungen (Deci & Ryan. 1993). Die genannten Aspekte gelten dabei für Lernen bzw. E-Learning im Allgemeinen. Beflügelt durch den Hype um den Bildungstrend Open E-Learning besteht aber die besondere Gefahr, die Anforderungen auf Seite der Lernenden aus den Augen zu verlieren oder zugunsten technologischer Innovationen zu vernachlässigen.

These 5: Open E-Learning verändert die Rolle des Lehrenden

In einem MOOC nimmt der Lehrende die Rolle eines Moderators ein, der als Gastgeber Inhalte und Struktur anbietet, und dabei den Lernenden genügend Raum lässt, eigene Inhalte und Ideen einzubringen. Das bedeutet ein Umdenken insbesondere für Lehrende, die sich bis jetzt als Vermittler von Lerninhalten verstanden haben. Open E-Learning verlangt, dass Lehrende gleichberechtigtes Mitglied einer Online-Gemeinschaft werden, gleichzeitig aber die Struktur des Kurses steuern und den Wissensaustausch moderieren. Hier gilt es Konzepte zu entwickeln, die eine flexible und skalierbare Betreuung der Lernenden erlauben. Diskutiert werden muss das Verhältnis zwischen der Selbstverantwortung der einzelnen Lernenden und der didaktischen Verantwortung der Lehrenden. Zu fragen ist, ob und in welcher Form die Bewertung und Zertifizierung von Leistung durch den Lehrenden notwendig und angemessen ist.

Fazit

Damit Open E-Learning erfolgreich ist, müssen kognitive, motivationale und soziale Voraussetzungen für Lernen berücksichtigt werden und die Rolle des Lehrenden geklärt werden. Erst an zweiter Stelle sollten Werkzeuge und Technologien stehen. Ein gesellschaftlicher Konsens, die Weiterentwicklung des Systems Hochschule und die Einbeziehung von Unternehmen sind notwendige Voraussetzungen für nachhaltige Entwicklung des Bildungstrends Open E-Learning.

Literatur

Deci, E. & Ryan, R. (1993). Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik, 39, 223–238.

Haug, S. & Wedekind, J. (2013): cMOOC – ein alternatives Lehr-/Lernszenarium? In R. Schulmeister (Hrsg.): MOOCs – Massive Open Online Courses. Offene Bildung oder Geschäftsmodell? Münster: Waxmann.

Moskaliuk, J. (2012). Massive Open Online Courses – offenes Lernen im Netz. wissens.blitz (77). http://www.wissensdialoge.de/moocs

Moskaliuk, J. & Cress, U. (2014). Bildung zwischen nutzergeneriertem Web und dozentenzentrierter Hochschule: Das Konzept Blended Open Course. In U. Hoppe & N. C. Krämer (Hrsg.): Lernen im Web 2.0 – Erfahrungen aus Berufsbildung und Studium. Bonn: Bundesinstitut für Berufsbildung.

van Treeck, T., Himpsl-Gutermann, K; Robes, J. (2013): Offene und partizipative Lernkonzepte – E-Portfolios, Moocs und Flipped Classrooms. In M. Ebner & S. Schön (Hrsg.): Lehrbuch für Lehren und Lernen mit Technologien.

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  1. […] der bvob talk’t Veranstaltung am 24.6.2014 sprach bvob-Expertin Claudia Musekamp mit Dr. Johannes Moskaliuk. An der Veranstaltung nahmen Mitglieder des bvob und zahlreiche Gäste teil. MOOCs, die Riesenkurse […]

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